DIE MOTIVATION

Was bringt eine 17-Jährige dazu, plötzlich in aller Öffentlichkeit über das dunkelste Kapitel ihres Privatlebens zu sprechen? – Eine gute Frage, die ich hier gerne beantworten möchte.

Schon während ich noch in Behandlung war, fiel mir auf, wie ich um den heißen Brei herumsprach. Meine Diagnose – die Magersucht – war dermaßen mit Vorurteilen belastet, dass ich mich damit nicht obendrauf auseinandersetzen wollte. Wenn man sowieso mit dem Essen zu kämpfen hat, möchte man sich keine Sätze wie „Iss doch einfach!“ anhören müssen.

Im Rahmen eines Schulprojekt entschied ich mich dann später dafür, u.a. über die Auswirkungen von Mangelernährung auf den Körper zu referieren. Zusammen mit zwei Freunden arbeitete ich zwei Wochen lang daran, wobei mir schlussendlich mit der Bestnote belohnt wurden.

Am meisten freute mich allerdings das Feedback der Zuhörer: Allen hatte der Vortrag etwas gebracht und niemand hatte gewusst, was das für Folgen haben kann. Da wir das mit eingebracht hatten, verstanden sie besser, wie sich Menschen mit einer psychischen Erkrankung fühlen.

Da habe ich zum ersten Mal darüber nachgedacht, ob es so etwas nicht häufiger an Schulen geben müsste. In der Realität sieht das aber anders aus.

Ein weiteres Jahr später beschloss ich im August 2019, meine durch das Abitur gewonnene Freizeit effektiv zu nutzen. Viele, viele Konzepte hat es gedauert, bis ich mit dem Endergebnis zufrieden war, mit welchem es jetzt in die Testphase geht. Vorträge für Jugendliche und Erwachsene, um dem Tabuthema eine Stimme zu geben.

Dass das dringend notwendig ist, stelle ich immer wieder fest. Nach dem Abschluss wollte ich unbedingt ins Ausland, ein Schüleraustausch sollte es werden. Zum Zeitpunkt meiner Bewerbung war ich seit drei Monaten symptomfrei. Bei der Ausreise wäre es ein Jahr gewesen.

Aber ich wurde abgelehnt. Weil ich bei der Nachfrage bezüglich psychischer Erkrankungen ehrlich war. Zeitgleich fragte niemand nach einem Führungszeugnis oder Vorstrafen – Ein Straftäter hätte reisen dürfen, ich durfte es nicht.

Das war das erste Mal, dass ich meine Krankheit als Fleck in meinem Lebenslauf betrachtete. Obwohl ich doch eigentlich stolz darauf sein konnte, dass ich sie überwunden und den Kampf gewonnen hatte.

Genau das wollte ich anderen Menschen mit auf den Weg geben, die nicht viel darüber wissen. Somit wurde es die Botschaft des gesamten Projekts!

Mir ist es dabei besonders wichtig, dass ich die Zuhörer nicht mit langweiligen Zahlen und Fakten bombardiere, sondern auf ganz persönlicher Ebene mit ihnen spreche. Immerhin schäme ich mich eigentlich nicht für die Zeit, die ich unter der Krankheit gelitten habe.

Wenn auch nur eine Person lernt, wie ernst eine psychische Erkrankung ist, habe ich mein Ziel erreicht!

~ Sophie-Marie Ludwig

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